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DFG-Projekt "Siedlung und Grubenanlage Herxheim b. Landau"

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Untersuchungen an manipulierten Skelettresten der jüngsten Linienbandkeramik: Die Menschenknochen aus den Konzentrationen 9-11 (Altgrabung 1996-1999) der Grubenanlage von Herxheim

Im Rahmen meiner Magisterarbeit an der Universität Hamburg (Betreuung PD Dr. Jörg Orschiedt) habe ich das menschliche Skelettmaterial aus drei Fundkonzentrationen (9-11) bearbeitet, welches im Jahr 1997 während der ersten Grabung geborgen wurde. Aufgrund der Grabungsmethode (Aufteilung der Grubenanlage in 2,5 m lange Abschnitte und sukzessive Ausgrabung dieser Abschnitte ohne Berücksichtigung der Lage der Konzentrationen) war der größte Teil der Konzentrationen nicht zusammenhängend ausgegraben worden; die nachträgliche Rekonstruktion der Konzentrationen anhand der Grabungsdokumentation konnte deshalb nicht immer zweifelsfrei durchgeführt werden. Nicht eindeutig zu den drei bearbeiteten Konzentrationen gehöriges Fundmaterial bleibt in meiner Arbeit unberücksichtigt. Die Konzentrationen 9-11 liegen im südlichen Bereich des inneren Grubenringes; dieser Bereich wurde ausgewählt, da hier das Fundaufkommen an Menschenknochen sehr hoch war (Abb. 1).

Abb. 1: Herxheim „Gewerbegebiet West“, Grabungsfläche 1996-1999 mit bandkeramischen Befunden und Lage der Konzentrationen 9 bis 11 (rot).

Konzentration 9 liegt im oberen Bereich eines von Ost nach West einfallenden Schichtpaketes. Insgesamt sind die menschlichen Überreste von mindestens vier Individuen (ein Kind, zwei Jugendliche, ein Erwachsener) wahrscheinlich beiderlei Geschlechts erhalten, wobei sich das Material aus einer Anzahl von 726 meist stark fragmentierten Menschenknochen zusammensetzt. Vollständig erhalten sind nur wenige Knochen von Händen und Füßen. Die Konzentration wird einerseits durch eine große Anzahl von Langknochenfragmenten und andererseits durch das vollständige Fehlen von Schädelkalotten charakterisiert. Die Schädelregion wird durch Kieferfragmente und durch Stücke, die wahrscheinlich bei der Kalottenproduktion als „Abfallprodukte“ entstanden sind, repräsentiert. Bei den Langknochenfragmenten ist eine Einheitlichkeit in Bezug auf Größe (80% der Langknochensplitter besitzen eine Schaftlänge zwischen 2 und 8 cm) und Erhaltung des Schaftumfanges auffällig. Die meisten Fragmente stammen aus dem mittleren Diaphysenbereich, während die Epiphysen der Langknochen nur selten vertreten sind. Diese Uniformität lässt sich auf eine bestimmte Zerlegungstechnik, die wohl ausschließlich am frischen Knochen durchgeführt wurde, zurückführen. Vielleicht fasste man den Langknochen an einem Ende und schlug diesen auf eine harte bzw. kantige Unterlage, so dass er in mehrere Splitter zerbrach. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, dass man die Langknochen auf einer Unterlage fixierte, wobei ein Ende eventuell in der Luft festgehalten wurde. Anschließend schlug man gezielt mit einem Stein oder ähnlichem auf den Schaft des Knochens (Abb. 2).

Humerus

Abb. 2: Humerus mit Einschlagstelle aus Konzentration 9.

 

Bei den meisten Langknochen ist weniger als die Hälfte des ursprünglichen Schaftumfanges erhalten. Daraus kann geschlossen werden, dass bei der Zerschlagung wahrscheinlich große Gewalt angewandt wurde, so dass die Knochen in viele Splitter zerbrochen sind. Als weitere Hinweise auf menschliche Manipulationen an den Knochen sind Einschlagstellen, Schnitt- und Brandspuren zu nennen. Am häufigsten wurden diese Manipulationsspuren an den Resten der Skelettregion „Schädel“ festgestellt. Allerdings sei an dieser Stelle grundsätzlich angemerkt, dass zahlreiche Versinterungen an den Knochen Manipulationsspuren oft nur eingeschränkt erkennen lassen.

Skelett
Abb. 3: Skelett und Schädelkalotten von Konzentration 10 in situ.

Konzentration 10 liegt im westlichen Teil einer Langgrube. Die Konzentration befindet sich in einer von Ost nach West flach einfallenden, muldenförmigen Verfüllung und wird durch die Niederlegung eines nahezu vollständigen Skelettes, zweier Kalotten und zweier Kalottenfragmente charakterisiert. Darüber hinaus sind kleinere Schädelfragmente aus dem Gesichts- und Basisbereich vertreten. Die Schädelstücke sind mit auffällig wenigen postkranialen Knochen vergesellschaftet (Abb. 3). Insgesamt handelt es sich um die Überreste von mindestens fünf Individuen (ein Jugendlicher, vier Erwachsene). Das fast vollständige Skelett wurde als weibliches Individuum bestimmt. Die restlichen Knochen der Konzentration ließen sich keinem Geschlecht zuordnen. Das nahezu vollständige Skelett lag im anatomischen Verband, auf der rechten Seite in gestreckter Lage, während der Kopf leicht nach hinten abgekippt war. Der rechte Arm war geradlinig nach unten gestreckt, der linke Arm parallel dazu auf dem Körper längs gestreckt. Die Knie lagen eng zusammen. Durch die Lage der beiden Unterschenkel (rechts gestreckt, links angewinkelt) bildete sich in etwa ein Dreieck mit einem 45° Winkel, in dessen Mitte eine Schädelkalotte lag. Ein weiteres, etwas größeres Dreieck entsteht durch die Lage des linken Oberschenkels und des linken Unterschenkels, in dessen Mitte ein Kalottenfragment eingebettet war. Während das Skelett keinerlei Manipulationsspuren aufweist, können an den vier Kalotten bzw. Kalottenfragmenten Manipulationen in Form von Einschlagstellen und Schnittspuren nachvollzogen werden. Die Schnittspuren dienten zur Entfernung der Kopfhaut. Einige der Schnittspuren verliefen ehemals unterhalb der Bruchkante weiter. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass die Durchtrennung der Kopfhaut vor der Zerschlagung des Knochens stattfand.

Schädelkalotte aus Konzentration 11

Abb. 4: Schädelkalotte aus Konzentration 11.

Konzentration 11 zieht sich innerhalb einer Langgrube direkt von deren Ostende bis kurz vor das westliche Ende. Es handelt sich bei einer Länge von 6,20 m um eine sehr ausgedehnte Konzentration. Insgesamt sind 709 Menschenknochen erhalten; ca. 250 Stücke davon sind nicht bestimmbar. Besonders charakteristisch für Konzentration 11 ist das gehäufte Auftreten von Kalotten und Fragmenten von Schädeldächern. Anhand dieser Stücke wurde mit 23 Individuen (ein Kind, ein Jugendlicher bzw. junger Erwachsener, 20 Erwachsene und ein nicht bestimmbares Individuum) die höchste Individuenanzahl aller bisher ausgewerteten Herxheimer Fundkonzentrationen errechnet. An fast allen Kalotten konnte eine perimortale Zurichtung sowie Schnittspuren zur Entfernung der Kopfhaut nachvollzogen werden (Abb. 4). Eine Schädelkalotte weist einen umlaufenden, dunkelbraun-schwarz verfärbten Kalottenrand auf. Wahrscheinlich lässt sich der Befund dahingehend interpretieren, dass die bereits zugerichtete Kalotte auf einer Brand- bzw. auf einer heißen Ascheschicht abgelegt worden war. „Abfallprodukte“ der Kalottenherstellung sowie das postkraniale Skelett sind gegenüber den Schädeldächern stark unterrepräsentiert. Besonders deutlich zeigt sich dies anhand der nur marginal vorhandenen Hand- und Fußknochen. Am postkranialen Skelett lässt sich überwiegend eine kleinteilige Zerlegung des Materials nachvollziehen. Eine detaillierte Betrachtung der Bruchmuster an den Langknochen ergab, dass ein Großteil der Fragmente zu einem perimortalen Zeitpunkt zerbrochen ist. Nur wenige Stücke weisen ausschließlich postmortale Bruchmuster auf. Diese Fragmente sind zudem sehr klein und stammen von eher dünnen bzw. fragilen Diaphysen, so dass hier wahrscheinlich nicht von einer aktiven Zerschlagung der postmortalen Knochen ausgegangen werden kann. Zusätzlich zu den postkranialen Kleinstfragmenten sind auch wenige unzerschlagene Knochen erhalten; es handelt sich dabei um einige Halswirbel, ein Schlüsselbein, ein Schulterblatt und um ein Hüftbein.


Eine Gesamtauswertung der Konzentrationen 9-11 steht noch aus, da eine solche erst durch die Zusammenführung der Ergebnisse aller Materialgruppen erfolgen kann. Bei den bisher ausgewerteten Konzentrationen 1-8 der ersten Grabung zeigten sich im Hinblick auf die vertretenen Skelettelementgruppen große Unterschiede. Diese für die menschlichen Überreste erkennbare Vielfalt wird sich bei einer Gesamtauswertung auch der anderen Fundgruppen sicherlich noch weiter differenzieren lassen.


Silja Bauer


letzte Änderung: 10.01.2017