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DFG-Projekt "Siedlung und Grubenanlage Herxheim b. Landau"

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Komplex 9 (Grabung 2005–2008): Neue Erkenntnisse zu den Menschenknochen – Ritual mit kannibalistischen Praktiken?

Im Sommer 2007 wurde eine der Konzentrationen menschlicher Überreste der Grubenanlage im Bereich der Grabung im Zwickel zwischen Insheimer und Rohrbacher Straße (siehe Beitrag „Grabung 2005–2008“ von Fabian Haack) mit einer abgeänderten Grabungsmethode untersucht. Auf Anregung der französischen Kollegen des Forschungsteams sollte ein – nach Augenschein im Planum – geeignetes Objekt für eine Ausgrabung in Negativtechnik ausgewählt werden. Diese Grabungsmethode, bei der ein Befund ausgeschält und die Funde möglichst alle in situ gelassen werden, besitzt den Vorteil, dass man direkt im Grabungsbefund die ursprüngliche Lage aller Funde auf einen Blick erfassen kann. Bei der Ausgrabung früherer Komplexe hatte sich gezeigt, dass die Funde in der Regel nicht kompakt und konzentriert etwa auf der Sohle der jeweiligen Grube lagen, sondern mit viel Erdmaterial vermischt eine teils erhebliche Streuung nicht nur in der Horizontalen, sondern auch in der Vertikalen aufwiesen. Derartige Befunde eignen sich naturgemäß nicht für eine Negativausgrabung.
Im Innengrubenring konnte auf Planum 11 am deutlich zu identifizierenden nördlichen Rand einer Langgrube eine kleine Konzentration von menschlichen Knochen festgestellt werden (Abb. 1), die sich beim Tieferlegen des Planums schräg nach unten in südlicher Richtung in der Langgrube fortzusetzen schien. Daher wurde dieser Komplex für eine Negativgrabung in den Blick gefasst, da wir hofften, eine relativ kompakte Fundschicht anzutreffen, die es ermöglichen würde, die Verfüllung der Langgrube auszuschälen und dabei die Funde in situ zu belassen.

Erste Funde am nordende von Komplex 9.

Abb. 1: Erste Funde am Nordende von Komplex 9.

 

Tatsächlich stellte sich heraus, dass glücklicherweise bei diesem Befund (Komplex 9 der Neugrabung) alle Funde konzentriert in einer 20–30 cm mächtigen Fundschicht lagen (Abb. 2); diese erstreckte sich vom Rand der Langgrube im Norden etwa 6 m in südliche Richtung und folgte dem schräg einfallenden Verlauf der schon teilweise wieder verfüllten Grubensohle.

Gesamtansicht der freigelegten Fundschicht von Komplex 9
Abb. 2: Gesamtansicht der freigelegten Fundschicht von Komplex 9.

 

Die Negativausgrabung, durchgeführt von Christian Jeunesse (Straßburg), Bruno Boulestin (Bordeaux), Jean-Paul Cros (Agde) (Abb. 3) und Rose-Marie Arbogast (Straßburg) erbrachte eine beeindruckende Befundsituation, bei der auch Details wie förmlich senkrecht an der Grubenwand „klebende“ Knochen und kleinere Knochenensembles beobachtet werden konnten.

Abb. 3: Komplex 9. Zwei der französischen Ausgräber, Jean-Paul Cros (vorne) und Bruno Boulestin (hinten) bei der vorsichtigen Freilegung der Menschenknochen.


Die menschlichen Reste und die Artefakte waren allerdings nicht gleichmäßig in der Grube verteilt; in den drei nördlichen Vierteln waren die Funde erheblich dichter geschichtet als im südlichsten Viertel. Selbst in dem Bereich mit der größten Funddichte erschienen die Knochen in bestimmten Gruppierungen konzentriert zu sein und formten kompakte Haufen. Die detaillierte Analyse der Knochen zeigte darüber hinaus, dass bestimmte Gruppierungen auftraten, in denen vorzugsweise Knochen oder Knochenfragmente derselben Skelettpartie– dies wurde speziell bei den Schädelkalotten schon in situ deutlich – oder aber ein und desselben Individuums vertreten waren. Ebenso kamen auch Konzentrationen von Fragmenten vor, die alle zu einem Knochen gehörten.
Der Komplex 9 ist folglich nicht völlig willkürlich zusammengestellt worden. Beobachtungen wie etwa die Gruppierung der Schädelkalotten – ähnlich auch in anderen Konzentrationen zu beobachten – lassen auf eine bewusste Organisation der Deponierung schließen; es ist davon auszugehen, dass diejenigen, welche die Knochen und Artefakte auf diese Art deponierten, auch in die Grube hinab gestiegen sein müssen, um einen Teil der Knochen in der beschriebenen Weise hier abzulegen. Andere Fragmente wurden dagegen möglicherweise von oben in die Grube geworfen, vielleicht, wie bestimmte Beobachtungen vermuten lassen, in vergänglichen Behältern (z. B. Beutel aus Leder oder Pflanzenfasern). Ihre Verteilung in bestimmten Kategorien belegt zumindest eine gewisse Auswahl, die man als willkürlich ansehen mag, die aber ebenso gut als das Resultat einer bestimmten Behandlung der Körper der hier niedergelegten Individuen interpretiert werden kann.

Die größten Überraschungen hielt die Feinuntersuchung des menschlichen Knochenmaterials bereit; dieses wurde bereits bald nach der Ausgrabung von dem für die Neugrabung zuständigen Anthropologen Bruno Boulestin, unter Mitarbeit von Emilie Cartier und zeitweise Amandine Mauduit (beide Straßburg), einer akribischen Analyse unterzogen. Neben bloßem Augenschein kamen bei der Untersuchung der Knochen auch Lupe und Mikroskop zum Einsatz.

Komplex 9 stellt insofern einen der wichtigsten Befunde auf der Fläche dar, als er bezüglich Ausdehnung und Komplexität zu den größten zählt. Insgesamt wurden 1906 zum Komplex gehörige menschliche Überreste (Knochen, Knochenfragmente, Schädelkalotten) freigelegt; daneben zählen zwei Hornzapfen vom Ur, Keramik und diverse Fragmente von Mahlsteinen zum Fundinventar. Die menschlichen Knochen stammen von mindestens zehn Personen, darunter zwei Neugeborene, zwei Kinder, davon eines im Alter von fünf bis sieben Jahren und eines etwa 13 Jahre alt sowie sechs Erwachsene, von denen mindestens einer männlichen Geschlechts war (die erhebliche Fragmentierung der Knochen erlaubt momentan keine weiteren Geschlechtszuweisungen).

Vier Schädelkalotten in situ in Befund 9
Abb. 4: Vier Schädelkalotten in situ in Befund 9.

 

Einer der hervorstechendsten Aspekte von Komplex 9 (und dies trifft für die ganze Anlage zu) ist das Erscheinungsbild der menschlichen Knochen. Neben der Sonderbehandlung der Schädel, die größtenteils zu Kalotten zugerichtet worden waren (Abb. 4) – und deshalb gleich zu Beginn der Ausgrabungen 1996 große Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten –waren aber auch alle vorhandenen Teile des postcranialen Skelettes der hier niedergelegten Toten einer speziellen, bei regulären Bestattungen nicht üblichen Behandlung unterzogen worden. Gerade die Zurichtung und Manipulation der verschiedenen Skelettelemente stand bei den Untersuchungen von Bruno Boulestin im Mittelpunkt.

Schnittspuren an einem Langknochen

Abb. 5: Schnittspuren an einem Langknochen.

 

Zunächst ist festzuhalten, dass die Mehrheit der Knochen Schnitt- oder Schabespurenaufweist. Die Schnittspuren besitzen System und treten an allen anatomischen Regionen des Körpers und an allen Individuen – vielleicht mit Ausnahme der Säuglinge – auf. Sie zeigen sich in der Form feiner Einschnitte, die durch den Einsatz von scharfen Silexgeräten hervorgerufen worden sind (Abb. 5). Die deutlichsten Schnittspuren stehen in Verbindung mit der Zertrennung von Sehnen und Bändern an den Gelenkenden, Schnittmarken finden sich aber auch an Stellen, wo Weichteile zu entfernen sind, wenn man den Knochen völlig entfleischen will. Feine Schnitte auf dem Schädel korrespondieren mit dem Abziehen der Kopfhaut. An Muskelansatzstellen am Knochen sind weitaus unauffälligere Schnittspuren feststellbar; hier sind sie auf die Ablösung des am Knochen anhaftenden Muskelstranges zurückzuführen. Mit senkrecht zu den Fleischfasern eingesetzten Werkzeugen wurden Schabespuren erzeugt; diese entstehen bei der Entfernung weicher Fleischreste, die noch an der Knochenoberfläche anhaften (Abb. 6). Alle Schnitt- und Schabespuren wurden offenbar am noch frischen Leichnam angebracht, da sie sämtlich mit der Durchtrennung von Muskeln und Sehnen sowie der Haut- und Fleischentfernung in ursächlichem Zusammenhang stehen.

Feine Schabespuren an einem Knochen aus Komplex 9

Abb. 6: Feine Schabespuren an einem Knochen aus Komplex 9.



Neben den Schnittspuren ist ein erheblicher Zerschlagungsgrad der Knochen, ebenfalls in noch frischem Zustand, zu beobachten. An der Tatsache, dass es sich hier um eine intentionelle menschliche Manipulation der Knochen handelt, besteht keinerlei Zweifel. Die Schädel wurden zu Kalotten zugerichtet, aber auch der größte Teil des postcranialen Skeletts ist stark fragmentiert. Die Zerschlagung erfolgte offenbar nach einem wiederkehrenden Schema; so ist etwa an den Langknochen der Arme und Beine regelhaft zu dokumentieren, dass die Epiphysen (Gelenkenden) zerstört und die Diaphyse (Knochenschaft zwischen den Gelenkenden) in viele Teile zerschlagen wurde (Abb. 7).

Auswahlan Fragmenten zerschlagener Langknochen

Abb. 7: Auswahl an Fragmenten zerschlagener Langknochen.

Bei Anpassungsversuchen konnten 13 Fragmente eines Langknochens wieder zusammengefügt und auch mehrere an eine Schädelkalotte anpassende Teile des unteren Schädels dokumentiert werden (Abb. 8); speziell an diesen Zusammensetzungen lässt sich die Art und das System der Zerschlagung hervorragend ablesen.

Anpassungen unterer Schädelfragmente an eine Kalotte aus Komplex 9

Abb. 8: Anpassungen unterer Schädelfragmente an eine Kalotte aus Komplex 9;
die Verbindung der Teile wurde von Restaurator Ludger Schulte mittels Wachsbrücken hergestellt, um die Zusammensetzung optisch erkennbar werden zu lassen.

 

Selbst kleine Skelettteile wie Handknochen weisen zum Teil intentionelle Zerstörungsspuren auf. An einigen Metacarpalia (Mittelhandknochen) und größeren Phalangen (Fingerknochen) fehlen an einer oder auch beiden Seiten die Epiphysen, und die zerstörten Knochenenden sind möglicherweise, so die Interpretation des Anthropologen, intentionell abgekaut worden. An kleinen Knochen sind an einigen Stellen Spuren zu beobachten, die als Zahnabdrücke interpretiert werden könnten.

Die Behandlung, der die Körper unterzogen wurden, beruht auf  zwei hauptsächlichen Modi-fikationstypen: der Entfernung des Fleisches und der Zerschlagung der Knochen.
Die wichtigsten Charakteristika der Zerschlagung sind folgende: große Langknochen werden besonders extensiv – aber nicht unbedingt immer in der gleichen Art und Weise – zertrümmert, wobei besonders diejenigen Knochen, die am meisten Mark enthalten, betroffen sind (Humerus [Oberarm-], Femur [Oberschenkel-] und Tibia [Schienbeinknochen]). Kleinere Langknochen (Radius [Speiche], Ulna [Elle], Fibula [Wadenbein]) sind in geringerem Maße fragmentiert. Insgesamt scheint sich die Manipulationsart sowie der Zerschlagungsgrad der Knochen an der in den jeweiligen Skelettelementen vorhandenen Menge an Knochenmark zu orientieren. Die Schnitte folgen einer spezifischen Logik und entsprechen weitgehend den Spuren, die beim Schlachten von Tieren zur Nahrungsgewinnung entstehen. Damit fügen sich die Knochenfunde aus Komplex 9 in eine Art „Metzgereimodell“ ein. Dazu passen auch die beobachteten Zerlegungen des Schulterbereiches, Schnittspuren an den Innenseiten von Knochen im Brust- und Unterleibsraum oder die abgeschlagenen Wirbelenden an der Nahtstelle zwischen Rippen und Wirbelsäule sowie die fehlenden Enden der Rippen (Abb. 9); letztere Manipulationen entstehen beim sog. „levée de l´échine“, der Heraustrennung des Rückrats aus dem noch mit Fleisch bedeckten Rücken.

Abb. 9: Wirbel mit abgeschlagenen Dornfortsätzen und Rippen mit abgeschlagenen Enden aus Komplex 9.


Entsprang die regelhafte Zurichtung der Schädel zu Kalotten einer rein rituellen Intention, oder könnte ihre Manipulation vielmehr ebenfalls zum Zweck der Entnahme der Weichteile (Hirn) wie beim postcranialen Skelett, durchgeführt worden sein? Gegen letztere Annahme spricht die regelhafte Herstellung der Kalotten, die zwar nicht alle ganz exakt an genau denselben Stellen vom Rest des Schädels abgeschlagen wurden (dies kann aber durchaus an der Art der Zurichtung mit Steinbeilen liegen), aber insgesamt doch ein klar erkennbares, sich immer wiederholendes Schema aufweisen. Isolierte Schädel aus anderen, meist paläolithischen Befunden, für die eine Entnahme des Hirns angenommen wird, weisen dagegen lediglich eine gewaltsame Erweiterung des foramen magnum (Hinterhauptsloch) auf. Es ist natürlich möglich, dass man sowohl beabsichtigte, aus den Schädeln Kalotten herzustellen und gleichzeitig auch das Hirn zu entnehmen; dies ist eine der Fragen, die zurzeit noch Gegenstand der intensiven Diskussion der Wissenschaftler des Herxheim-Teams sind.

Die mit dem Zurichten von Tieren für Nahrungszwecke deutlich vergleichbaren Spuren an den Menschenknochen von Komplex 9 führen unweigerlich zu der Frage, ob die Zerlegung der Leichen im Rahmen kannibalistischer Praktiken durchgeführt wurde. Ein Großteil der an den Knochen beobachteten Manipulationen ließe sich mit Kannibalismus gut erklären, doch ist dies nicht notwendigerweise die einzige Deutungsmöglichkeit der zerlegten Menschen von Komplex 9. Mit in Betracht zu ziehen sind bei der Interpretation auch die anderen Bestandteile der Deponierung, die ebenfalls spezifische Behandlungsmuster aufweisen. So ist die Keramik, die mit den Knochen vergesellschaftet ist, systematisch zerschlagen, was ebenso für die Mahlsteine gilt, die nur in wenigen Fragmenten im Komplex gefunden wurden. Die Tierknochen im Befund können nicht als Schlachtabfall gewertet werden, sondern charakterisieren vielmehr durch ihre spezifische Auswahl als pars pro toto unzweideutig die jeweilige Tierart (z. B. der Hornzapfen eines Urrindes). Die Lage der Fundkonzentration am Ende einer bereits teilweise verfüllten langschmalen Grube belegt eine intentionelle Wahl des Platzes, an dem die Funde in den Boden eingebracht wurden.

All diese Faktoren weisen zweifellos auf einen stark ritualisierten Ablauf der Deponierung des gesamten Materials hin, wie er auch für die übrigen Konzentrationen festgestellt werden konnte, die in der Neugrabung akribisch ausgegraben und bis ins Detail dokumentiert wurden. Alle Einzelbeobachtungen zusammen genommen verweisen das Geschehen in Herxheim deutlich in den rituellen, kultischen Bereich, wo nach festgelegten, aber recht vielseitig umgesetzten Schemata Menschen, Tiere, Keramik und Steingeräte zugerichtet und dann in größeren und kleineren Konzentrationen deponiert wurden. Deutlich erweitert werden unsere Kenntnisse nun durch die an den Menschenknochen in Komplex 9 entdeckten Manipulationsspuren, die ebenfalls bestimmten Schemata folgen. Diese belegen für die einzelnen Skelettelemente festgeschriebene, sich wiederholende Bearbeitungsmethoden, für die, so das Fazit des bearbeitenden Anthropologen, die beste und sinnvollste Erklärung eine Zerlegung und intensive Verwertung der menschlichen Körper zum Zweck der Nahrungsgewinnung – eingebettet in den rituellen Rahmen der Gesamtsituation in Herxheim – darstellt. Welche Rolle im Einzelnen der postulierte Kannibalismus in den Ritualen gespielt hat, und ob daran alle zerlegten menschlichen Skelette der Anlage teilhatten, ist zur Zeit noch nicht zu ermessen; eine Feinanalyse der Menschenknochen aus den übrigen Komplexen der Neugrabung wird zu dieser Frage sicherlich Licht in das Dunkel des Geschehens bringen. Unklar ist zurzeit auch noch, inwiefern die Teilskelette und ganzen Körper, die ja ebenfalls in einer Reihe von Konzentrationen auftreten, in das Bild eines Rituals mit kannibalistischen Zügen einzupassen sind. Hierzu müssen die weiteren anthropologischen Untersuchungen ebenso wie die archäologische Beurteilung der Ergebnisse und intensive Diskussionen im Wissenschaftlerteam abgewartet werden.

Andrea Zeeb-Lanz, Bruno Boulestin

 

 

letzte Änderung: 10.01.2017